Die 13. Kammer des Verwaltungsgerichts Hannover hatte die Frage zu klären, ob ein Bewerber für den Vorbereitungsdienst bei der niedersächsischen Landespolizei gesundheitlich geeignet ist, wenn eine HIV-Infektion besteht.

Der Sachverhalt

Der Kläger bewarb sich Ende Oktober 2016 für eine Einstellung als Polizeikommissar-Anwärter im Beamtenverhältnis auf Widerruf. Die beklagte Polizeiakademie Niedersachsen lehnte seine Einstellung ab, weil er für den Polizeidienst untauglich sei.

Bei dem Kläger, der sich gegen die Ablehnung seiner Einstellung wendet, besteht eine mehrjährig antiviral therapierte HIV-Infektion. Infolge der Therapie liegt bei ihm die Viruslast konstant unter der Nachweisgrenze. Das Gericht hat zu der Frage, ob diese Infektion zur Polizeidienstuntauglichkeit führt, ein Sachverständigengutachten eingeholt.

Gutachter hat keine Bedenken für die Tätigkeit als Polizeibeamter

Der Gutachter sollte sich insbesondere zu den Fragen äußern, ob der Kläger den Anforderungen des Polizeivollzugsdienstes gesundheitlich gerecht werden könne, ohne dienstunfähig zu werden und ob ein Ansteckungsrisiko für Bürger oder Kollegen in Einsatzsituationen bestehe. Der Gutachter ist zu dem Schluss gekommen, dass bei der therapierten HIV-Infektion des Klägers keine Bedenken für eine Tätigkeit als Polizeibeamter bestünden.

Die beklagte Polizeiakademie Niedersachsen tritt dem entgegen

Die Polizeiakademie Niedersachsen verweist darauf, dass es im beruflichen Alltag bei körperlichen Auseinandersetzungen zu blutenden Verletzungen bzw. Blutkontakten komme. Auch bei einer Viruslast unter der Nachweisgrenze seien weiterhin Viren im Blut vorhanden und es bestehe ein Infektionsrisiko. Die Fürsorgepflicht gegenüber anderen Bediensteten sowie das Verantwortungsbewusstsein gegenüber Dritten gebiete es, die Bewerbung des Klägers abzulehnen.

Bewerber reicht Klage ein

Der Kläger begehrt in erster Linie eine Verpflichtung der Beklagten, ihn für den Vorbereitungsdienst einzustellen. Außerdem fordert er Schadensersatz wegen Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz.

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts

Das Verwaltungsgericht Hannover hat mit Urteil vom 18.07.2019 – 13 A 2059/17 – die beklagte Polizeiakademie Niedersachsen verpflichtet, über die Bewerbung des Klägers neu zu entscheiden.

Gericht: Über die Bewerbung muss neu entscheiden werden

Die Kammer ist der Auffassung des Sachverständigen gefolgt, dass bei dem Kläger weder eine vorzeitige Dienstunfähigkeit drohe noch ein Risiko bestehe, dass er Kollegen oder Bürger anstecken könnte. Sie hat dabei hervorgehoben, dass ihre Einschätzung nicht allgemein für HIV-Infizierte Geltung beansprucht, sondern sich auf die gesundheitliche Situation des effektiv therapierten Klägers bezieht.

Da der Kläger das Auswahlverfahren für den Polizeidienst noch gar nicht durchlaufen hatte, konnte er nicht mit Erfolg seine Einstellung als Polizeikommissar-Anwärter beanspruchen, sondern nur eine erneute Entscheidung über seine Bewerbung unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts zur Frage der Polizeidiensttauglichkeit. 

Fristablauf: Keine Entschädigung wegen Diskriminierung

Schadensersatz oder Entschädigung wegen Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) hat die Kammer dem Kläger hingegen nicht zugesprochen, weil nach ihrer Auffassung schon die Frist von zwei Monaten für die Geltendmachung solcher Ansprüche nach Ablehnung der Bewerbung nicht eingehalten wurde.

Die Kammer hat gleichwohl angemerkt, dass sie auch in der Sache nicht von einer Diskriminierung des Klägers ausgeht, weil seine Polizeidiensttauglichkeit erst infolge des vom Gericht eingeholten Sachverständigengutachtens fundiert bewertet werden konnte.

Die Kammer hat wegen grundsätzlicher Bedeutung der Rechtssache die Berufung zum Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht zugelassen.

Gericht:
Verwaltungsgericht Hannover, Urteil vom 18.07.2019 - 13 A 2059/17

VG Hannover, PM
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