Ein Beitrag von anwalt.de

Urteil zu Burn-out-Syndrom - Berufsunfähigkeitsversicherung muss zahlen

Burn-out und Depressionen haben Rückenerkrankungen als Grund für die Berufsunfähigkeit vieler Menschen mittlerweile überholt. Vergleichsweise häufiger verweigern Berufsunfähigkeitsversicherungen jedoch ihre Leistung, wenn jemand nicht mehr so wie einst arbeiten kann.

Schwierige Feststellung

Ein wesentlicher Grund dafür ist die schwierigere Feststellung des seelischen Leidens. Burn-out gilt in der Medizin nicht als Krankheit. Als Syndrom fehlt ihm ein bestimmtes Krankheitsbild. Entstehung und Entwicklung sind unklar. Burn-out klassifiziert die Weltgesundheitsorganisation daher auch als Problem der Lebensbewältigung.

Das Ausgebranntsein ist durch verschiedene Symptome wie Erschöpfung, Gereiztheit und Gleichgültigkeit gekennzeichnet. Nicht selten geht es mit weiteren Krankheiten einher wie insbesondere einer Depression. Burn-out bildet insofern eine Zusatzdiagnose. Diese Umstände erschweren die Feststellung einer durch Burn-out bedingten Berufsunfähigkeit. Dennoch kann eine Berufsunfähigkeitsversicherung zur Leistung verpflichtet sein. Denn als Krankheit im Sinne der Berufsunfähigkeitsversicherung gilt jeder körperliche oder geistige Zustand, der vom normalen Zustand so stark und nachhaltig abweicht, dass er geeignet ist, die berufliche Leistungsfähigkeit dauerhaft auszuschließen oder zu beeinträchtigen. Des Weiteren kann eine Berufsunfähigkeit auch auf Kräfteverfall beruhen.

Versicherungsbedingungen entscheidend

Die Leistungspflicht knüpft sich dabei an die jeweiligen Versicherungsbedingungen. Die existierenden allgemeinen Bedingungen für die Berufsunfähigkeitsversicherung sind insofern nicht verbindlich. Gute und weniger gute Angebote prägen auch hier den Markt. Entsprechend hängt es wesentlich von der Versicherung ab, ob Burn-out-Betroffene Versicherungsleistungen erhalten.

In einem vom Landgericht München I (Urteil v. 22.03.2006, Az.: 25 O 19798/03) zugunsten eines Burn-out-Betroffenen getroffenen Urteil stellte es sich wie folgt dar: Kläger war ein durch Arbeitsüberlastung und Erfolgsdruck ausgebrannter selbstständig tätiger Finanzberater. Der Mann arbeitete in der Woche durchschnittlich zehn Stunden pro Tag. Dabei wickelte er bis zu 200 Anrufe pro Tag ab. Regelmäßig war er auch am Wochenende tätig und des Öfteren geschäftlich unterwegs. Sein Burn-out zeigte sich unter anderem in Form einer Persönlichkeitsstörung, Angstzuständen, Kopfschmerzen und Schwindelanfällen. Dies hatte der vom Gericht bestellte Arzt in seinem Gutachten festgestellt und eine 50-prozentige Berufsunfähigkeit attestiert.

Die Versicherungsbedingungen setzten dabei für eine Leistungspflicht eine Berufsunfähigkeit von mindestens 50 Prozent voraus. Eine mögliche Umorganisation der Arbeit, die eine weitere Betätigung von über der Hälfte der bisherigen Betätigung ermöglicht hätte, war hier nicht möglich. Weitere Bedingung war eine ununterbrochene Arbeitsunfähigkeit von mindestens sechs Monaten. Diese Bedingung verbessert in der Regel die Erfolgschancen, da sich diese durch ärztliche Krankschreibung nachweisen lässt. Auch diese stand hier fest. Nicht zuletzt obliegt es einem Versicherten, sich darum zu bemühen, seine Berufsunfähigkeit zu mindern bzw. die Heilung zu fördern. Damit das nicht zum Einfallstor zu einer berechtigten Verweigerung der Versicherungsleistung wird, sollten Betroffene Therapieempfehlungen im Rahmen des Zumutbaren folgen.

Aufgrund der Summen, die über 5000 Euro liegen, sind die Landgerichte zuständig. Vor diesen herrscht Anwaltszwang. Angesichts der persönlichen Lebenssituation wie der komplexen Materie sollten Betroffene sich ohnehin frühzeitig an einen Rechtsanwalt wenden.

Christian Günther, Assessor
Redakteur - Juristische Redaktion
anwalt.de services AG
Ein Beitrag von anwalt.de

Unternehmensprofil:
anwalt.de ist eines der reichweitenstärksten Anwaltsportale im deutschsprachigen Raum und verfügt über eine eigene juristische Fachredaktion, die täglich interessante Artikel zu aktuellen Urteilen, neuen Gesetzen oder Gesetzesänderungen verfasst. Bei anwalt.de finden Sie den passenden Rechtsanwalt in Ihrer Nähe für jedes private oder berufliche Rechtsproblem.

Beitrag teilen:

Information zum Beitag Dieses Urteil wurde am 01. Juni 2015 eingetragen und wurde 13022 mal gelesen

Neue Urteile

25.05.2017 - Impfschäden - Eltern uneinig über Impfung ihres Kindes

Die nichtehelichen Eltern streiten sich über die Notwendigkeit von Schutzimpfungen für ihre im Juni 2012 geborenen Tochter. Die Mutter, bei der die Tochter lebt, ist der Meinung, das Risiko von Impfschäden wiege schwerer als das allgemeine Infektionsrisiko. Die Eltern haben wechselseitig die Alleinübertragung der Gesundheitssorge beantragt.
Urteil lesen

25.05.2017 - Rechtsreferendarin darf auf der Richterbank kein Kopftuch tragen

Das Verwaltungsgericht Frankfurt hat es einer Rechtsreferendarin islamischen Glaubens ermöglicht, ihren juristischen Vorbereitungsdienst mit einem Kopftuch durchzuführen. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat nun den Beschluss des Verwaltungsgerichts aufgehoben.
Urteil lesen

20.05.2017 - Hohe Anforderungen für eine Stiefkindadoption

Wenn ein Ehepartner ein Kind aus einer früheren Beziehung mit in die Ehe bringt, stellt sich zuweilen die Frage, ob der neue Ehepartner das Kind adoptieren kann, so dass es dann rechtlich gesehen ein gemeinsames Kind der neuen Ehegatten ist. Mit so einem Fall musste sich das OLG Oldenburg (Az. 4 UF 33/17) beschäftigen.
Urteil lesen

20.05.2017 - Der hochhackige Schuh im Gitterrost - Haftung des Hauseigentümers?

Die Eigentümerin eines alten Mehrfamilienhauses verletzt ihre Verkehrssicherungspflicht nicht, wenn sich vor dem Hauseingang ein Fußabtreter in Form eines Gitterrosts befindet, der Öffnungen mit einer Größe von jeweils 4 cm x 7,3 cm aufweist, und eine Besucherin mit dem schmalen Absatz ihres Schuhs im Gitterrost hängenbleibt.
Urteil lesen

19.05.2017 - Böllerwurf - Keine charakterliche Eignung für den Polizeivollzugsdienst

Für den Polizeivollzugsdienst sind besondere Anforderungen an die charakterliche Eignung eines Bewerbers zu stellen. Im vorliegenden Fall warf ein 20-jähriger Bewerber im Mai 2013 von seinem Balkon drei nicht in Deutschland zugelassene Böller in Richtung eines KinderSpielplatzes.
Urteil lesen

18.05.2017 - Handy in der Schule - Lehrer behält Handy über das Wochenende

Der Klassenlehrer eines Schülers zog dessen Mobiltelefon wegen Störung des Unterrichts ein. Das Handy wurde über das Wochenende einbehalten und eine Rückgabe an die Mutter erfolgte Montags über das Schulsekretariat. Schüler und Eltern sehen die Einziehung und Verwahrung des Handys als rechtswidrig. Zu Recht?
Urteil lesen