Ein Beitrag von anwalt.de

Keine Berufsausbildung - kein Anspruch auf Unterhalt?

Um finanziell irgendwann auf eigenen Füßen stehen zu können, ist es für Kinder wichtig, die Schule zu beenden und eine angemessene Berufsausbildung zu absolvieren. In dieser Zeit sind Eltern zur Unterhaltszahlung verpflichtet. Doch was ist, wenn die Ausbildung abgebrochen wird?

Vielen Eltern ist nicht bekannt, dass sie ihrem Nachwuchs selbst dann noch Unterhalt zahlen müssen, wenn er volljährig wird. Allerdings gilt diese Pflicht nur, wenn sich das erwachsene Kind auch um eine angemessene Berufsausbildung bemüht, die seinen Talenten und Neigungen entspricht, und diese zielstrebig und planvoll "durchzieht". Doch heißt das im Umkehrschluss, dass Eltern ihre Unterhaltszahlungen komplett einstellen dürfen, wenn das Kind Ausbildungen immer wieder abbricht?

Vater will keinen Unterhalt mehr zahlen

Ein mittlerweile 26-Jähriger hatte nach seinem Schulabschluss im Jahr 2007 verschiedene Ausbildungen begonnen und diese regelmäßig nach einigen Monaten wieder abgebrochen. Grund dafür war laut einem Gutachten aus dem Jahr 2014 eine hyperkinetische Störung, also einfach gesagt: ein Aufmerksamkeitsdefizit. Nachdem der junge Mann erneut eine Ausbildung abgebrochen hatte, verlangte sein Vater den Nachweis einer ambulanten Behandlung bzw. einer etwaigen Arbeitsunfähigkeit. Als sein Sohn jedoch nicht reagierte, stellte der Vater die Unterhaltszahlungen ab September 2016 ein.

Des Weiteren zog er vor Gericht und beantragte die Abänderung des Unterhaltstitels dahingehend, dass er ab September 2016 keinen Unterhalt mehr zahlen muss. Sein Sohn wollte sich das jedoch nicht gefallen lassen – schließlich habe er bereits 2013 einen Antrag auf eine berufliche Rehabilitation mit internatsmäßiger Unterbringung bei der Bundesagentur für Arbeit gestellt, der aber erst im Jahr 2016 bewilligt worden sei. Weil er nun eine Berufsausbildung beginne, müsse sein Vater auch weiterhin Unterhalt zahlen.

Kind muss sich um Ausbildung bemühen

Das Amtsgericht (AG) Büdingen kam zu dem Ergebnis, dass der Vater ab September 2016 keinen Unterhalt mehr an seinen Sohn zahlten musste.

Eltern müssen eine Berufsausbildung finanzieren

Zwar sind Eltern nach den §§ 1601 ff. Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) grundsätzlich dazu verpflichtet, ihrem Kind eine angemessene Berufsausbildung zu finanzieren. Dafür muss wiederum der Nachwuchs seine Ausbildung zielstrebig verfolgen und normalerweise bis zum Regelabschluss beenden. Bestimmte Unterbrechungen, z. B. wegen Krankheit, oder auch eine Ehrenrunde bzw. ein Fachrichtungswechsel, sind zwar von den Eltern hinzunehmen - sie müssen es aber nicht dulden, wenn ihr Kind ständig neue Ausbildungen beginnt und sie dann kurze Zeit später wieder abbricht.

Eltern können dann den Geldhahn zudrehen - ihre Kinder müssen sich nämlich so behandeln lassen, als hätten sie sich ausreichend um ihre Berufsausbildung bemüht, sie erfolgreich "durchgezogen" und seien nun in der Lage, ihren eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Kind muss sich um Ausbildungsstelle bemühen

Vorliegend wusste der Sohn aufgrund eines Gutachtens aus dem Jahr 2014, dass er unter einer hyperkinetischen Störung leidet und eine „normale“ Ausbildung für ihn nicht infrage kommt. Er hätte sich daher um eine Berufsausbildung bemühen müssen, bei der er stationär unter anderem auch medizinpsychiatrisch therapiert wird. Die Bereitschaft hierzu hat er jedoch zu keinem Zeitpunkt erkennen lassen. Selbst die letztlich bewilligte Maßnahme umfasste nur eine berufliche, nicht jedoch auch eine medizinische Rehabilitation.

Hätte er sich nach Erhalt des Gutachtens um eine entsprechende Ausbildung bemüht, wäre es ihm möglich gewesen, diese bis September 2016 abzuschließen und seinen Lebensunterhalt ab diesem Zeitpunkt selbst zu bestreiten. Weil derartige Bemühungen aber nicht erkennbar waren, musste er sich rechtlich so stellen lassen, als hätte er erfolgreich eine Ausbildung abgeschlossen. Das wiederum führte dazu, dass der Vater von jeglicher Zahlungspflicht zu befreien war.

Gericht:
Amtsgericht Büdingen, Beschluss vom 21.11.2016 - 51 F 782/17

Sandra Voigt
Assessorin
Redakteurin - Juristische Redaktion
Ein Beitrag von anwalt.de services AG

Unternehmensprofil:
anwalt.de ist eines der reichweitenstärksten Anwaltsportale im deutschsprachigen Raum und verfügt über eine eigene juristische Fachredaktion, die täglich interessante Artikel zu aktuellen Urteilen, neuen Gesetzen oder Gesetzesänderungen verfasst. Bei anwalt.de finden Sie den passenden Rechtsanwalt in Ihrer Nähe für jedes private oder berufliche Rechtsproblem.

Beitrag teilen:

Information zum Beitag Dieses Urteil wurde am 29. Januar 2017 eingetragen und wurde 8356 mal gelesen

Neue Urteile

26.02.2017 - Urteil: Reisemangel wegen Dreharbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff?

Ein älteres Ehepaar hatte eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff gebucht und forderte eine Reisepreisminderung, weil einige Schiffsbereiche als Drehort für die Fernsehserie "Das Traumschiff" genutzt wurden. Das Amtsgericht Bonn sprach dem Ehepaar 20% Minderung zu. Das Landgericht Bonn hat nun anders entschieden.
Urteil lesen

26.02.2017 - Unfallort Waschstraße - wer haftet, wenn es kracht?

In Waschstraßen werden die Kfz auf einem Förderband transportiert. Hier kann es schnell zu Unfällen kommen. In solchen Fällen stellt sich daher die Frage, wer haften muss: der Betreiber der Waschstraße, der Auffahrende oder sein Vordermann?
Urteil lesen

25.02.2017 - Notfalleinsatz: Sind 1 Minute Verzögerung unbedeutend?

Im vorliegenden Fall beanstandete eine Rettungswache, dass die an ihrem Grundstück angrenzende Straße beidseitig beparkt werden dürfe und dies zu Behinderungen bei Notfalleinätzen führe. Damit käme es zu Verzögerungen von bis zu 60 Sekunden. Das Bezirksamt lehnte Maßnahmen ab, weil die Verzögerungen nur unwesentlich seien. Zu Recht?
Urteil lesen

19.02.2017 - Urteil: Alleinige Haftung eines Elfjährigen für Fahrradunfall

Verursacht ein verkehrswidrig fahrender, elfjähriger Radfahrer einen Zusammenstoß mit einer Radfahrerin, bei dem diese erhebliche Verletzungen leidet, kann der Elfjährige für die Unfallfolgen der Radfahrerin allein zu haften haben.
Urteil lesen

18.02.2017 - Reisemangel - Buffet ständig leer, weil andere Gäste sich die Teller überhäufen

Die Kläger buchten eine 14-tägige Pauschalreise in die Türkei. Neben etlichen weiteren Mängeln monierten die Kläger, dass die Speisen im Bereich des Buffets nur äußerst langsam nachgefüllt wurden. Das beruhte darauf, dass russische Staatsangehörige das Büffet regelrecht geplündert hätten.
Urteil lesen

18.02.2017 - Schmerzensgeldanspruch nach einer fehlerhaften Permanent-Make-Up-Behandlung

Die Kundin eines Kosmetikstudios war mit dem Ergebnis einer Permanent-Make-Up-Behandlung nicht zufrieden. Am unteren Lidstrich sei ein weißgelber Farbton entstanden, der entstellend sei. Ferner seien die unteren Lidstriche unterschiedlich dick. Sie fordert ein Schmerzensgeld von mindestens 3000 Euro und den Ersatz aller zukünftigen Schäden.
Urteil lesen